8-10 April 2014: Die Seele des Kanton Tessins im Roman "Nicht Anfang und nicht Ende" von Plinio Martini (1923-1979).

Vorlesungen am Forschungs- und Ausbildungszentrum für Tiefenpsychologie nach C. G. Jung und Marie-Louise von Franz, St. Niklausen (OW).

Vordergründig ist Nicht Anfang und nicht Ende (Limmat Verlag, Zürich, 2006) ein Liebes- und Auswanderungsroman. Plinio Martini erzählt uns die Geschichte eines in der ländlichen Tradition des Tessins aufgewachsenen Mannes, der sich entscheidet, nach Amerika auszuwandern. Kurz vor der Abreise begegnet er der Frau seines Lebens. Er lässt sie zurück, und wird sie nie wieder sehen, denn sie stirbt wenige Monate nach seiner Abreise. Nach siebzehn bewegten und von Heimweh geplagten Jahren in Amerika kehrt er in seine alte Heimat zurück, in die inzwischen die moderne Welt eingebrochen ist, denn in seinem Tal wurden grosse Wasserkraftanlagen gebaut. Er denkt über seinen Leidensweg nach, und fragt sich nach seiner Identität als Menschen, der zwischen zwei Welten gelebt hat. Wohin gehört er: zur überlieferten ländlichen Tradition oder zur modernen Welt? Welche Welt ist die bessere? Warum ist er ausgewandert, und warum ist er zurückgekehrt? Welche Zukunft hat sein Tal, das sich scheinbar unaufhaltsam entvölkert?

Ich versuche den Roman psychologisch, das heisst symbolisch zu verstehen, mich fragend, was hinter den starken Emotionen, die er aufwirft, steht. Zentraler Punkt ist der Bewusstwerdungsprozess, der individuell, aber auch in einem kollektiven Sinn verstanden werden kann. Das Buch von Plinio Martini zeigt, wie die Seele den rasanten Einbruch der Welt der Technik in das ländliche Tessin erlebt hat. Es ist eine Stimme der anderen Seite, die uns sagt, ob der erfolgte Fortschritt ein Fortschritt mit oder ohne Seele war. Hat sich die ländliche Welt gewandelt, oder hat sie einfach die Seite gewechselt? Ich beschreibe die Berggebietsproblematik aus einer inneren Sicht.

Der Roman von Plinio Martini hilft uns, das heutige Tessin zu verstehen. Nicht Anfang und nicht Ende wirft ein neues und überraschendes Licht auf die "Sonnenstube der Schweiz".

© 2020 Silvaforum

Sito web realizzato da meraviglioso.ch